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Frühkindliche Bildung

1. KiTa ist elementarer Teil des Bildungssystems

Das Gehirn eines dreijährigen Kindes verfügt über etwa 200 Billionen Synapsen. Das sind mehr als doppelt so viele wie bei einem Erwachsenen. Dieser Reichtum ist so früh wie möglich zu nutzen. Training ist die Voraussetzung für verbesserte Leistung. Was in den ersten Lebensjahren versäumt wird, lässt sich später also nur schwer nachholen. Darum ist es wichtig, bereits bei der frühkindlichen Bildung anzusetzen. Der erste Schritt zur Spitzenforscherin oder zum erfolgreichen Handwerker findet in der Krabbelgruppe statt. Der gelungene Schuleintritt ist nicht nur ein großes Thema für Eltern und ihre Kinder, sondern für die gesamte Gesellschaft. Denn was später als Bildungsungerechtigkeit oder gar soziale Spaltung Schlagzeilen macht, hat hier seine Wurzeln. Gleichaltrige weisen beim Eintritt in Kindergarten oder (Vor-)Schule oft ganz unterschiedliche Voraussetzungen auf – die eine kann schon lesen, der andere weiß nicht mal, wie ein Buch aussieht.

Damit Deutschland im Jahr 2030 die besten Schulabgängerinnen und -abgänger hat, müssen jetzt bereits die Weichen für eine bessere frühkindliche Bildung gestellt werden. Kindertagesstätten sind das Bildungssystem der ersten Lebensjahre und müssen dementsprechend ausgerichtet werden. Kindertagesstätten haben einen eigenen Bildungsauftrag. Bildung in Kindertagesstätten und Schulen sollte von der Politik zusammengedacht und in den Ländern aus gemeinsamen Bildungsministerien statt wie bisher aus den Sozial- und Kulturministerien gesteuert werden. Bundesweit einheitliche Bildungsstandards auch für die frühkindliche Bildung sorgen für gleiche Chancen in ganz Deutschland. Bildungsinhalte und Bildungsprogramme für die ersten Lebensjahre müssen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse abbilden. Um Qualität und Wirksamkeit der Programme zu stärken, sollten Indikatoren für die Messung des Bildungserfolgs entwickelt und einem Monitoring unterworfen werden. Ein verpflichtendes letztes KiTa-Jahr vor der Einschulung für alle Kinder verbessert die Chancen auf eine erfolgreiche Bildungsbiographie.

2. Frühkindlicher Bildungserfolg muss überprüft werden

Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) hat erschreckende Erkenntnisse zutage gefördert. Die Leseleistungen von Grundschülerinnen und -schülern nehmen seit 2006 kontinuierlich ab. Besonders besorgniserregend ist dabei die zunehmende Leistungsheterogenität. Insbesondere die soziale Herkunft und ein Migrationshintergrund haben einen großen Einfluss auf die Leseleistungen der Kinder. Diese frühe Benachteiligung prägt spätere Bildungskarrieren. Wie sich beispielsweise an der internationalen ICILS-Studie ablesen lässt, die das Leseverständnis der Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich misst, sind auch Jahre danach ähnliche Leistungsunterschiede zu beobachten. Wer bereits in den ersten Bildungsjahren den Anschluss verliert, wird bei jedem weiteren Bildungsschritt eher weiter abgehängt als aufzuholen. Deswegen müssen geeignete Wege gefunden werden, um bereits vor der Einschulung Defizite im frühkindlichen Lernen identifizieren zu können. Bei frühkindlichen Leistungstests sollten Kindertagesstätten, Kinderärztinnen und Kinderärzte sowie Jugendgesundheitsdienste eng zusammenarbeiten. Lässt sich absehen, dass die individuelle Lernentwicklung eines Kindes stockt, wäre dies Anlass für gezielte verpflichtende Förderangebote und vermehrte Unterstützung von außen. Wer dagegen früher als dem regulären Alter die geforderten Voraussetzungen für die Einschulung erfüllt, sollte den Schritt in die Schule gehen können.