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Bildungspfade begleiten

19. Mentoring stärken

Ein Individuum ist kein D-Zug, welcher – einmal auf die Schienen der Bildungsbahn gesetzt – in gerader Linie von der Kita zum Masterabschluss tuckert. Bildungswege sind vielfältig und verschlungen – und mancher Pfad muss ganz neu entdeckt werden. Dafür braucht es Mentorinnen und Mentoren, die dem oder der Einzelnen unterstützend zur Seite stehen und alternative Möglichkeiten aufzeigen. Für manche sind dies Eltern und Geschwister, andere vertrauen auf die Lehrkräfte, welche allerdings noch Dutzende weitere Kinder begleiten müssen. Dabei zeigen vielfältige Studien, dass Mentoring den Unterschied macht. Ob katholische Arbeitertochter vom Dorf oder Junge mit Migrationshintergrund in der Großstadt: Jeder Mensch sollte seine Talente frei entfalten können. Doch dafür braucht es Vorbilder und Unterstützung, die zurzeit oft noch fehlen.

Bestehende Mentoring-Initiativen müssen gestärkt werden. Doch auch die Bildungseinrichtungen selbst – von der Grundschule bis zur Universität – müssen stärker für individuelle Hintergründe sensibilisiert werden. Wer als erste oder erster aus seiner Familie eine bestimmte (weiterführende) Bildungseinrichtung besucht, verdient dieselbe Unterstützung, wie sie das Akademikerkind schon von Haus aus mitbringt. Beim lebenslangen Lernen können Mentoring- Programme ebenso nachweislich helfen. Sie zeigen in schwierigen Lebenslagen Möglichkeiten zur Um- und Weiterbildung auf. Auch Unternehmen sollten motiviert werden, Empowerment- und Mentoringprogramme als Investition in die (Weiter-)Bildung der Angestellten und als Form des lebenslangen Lernens ernst zu nehmen.

20. „Corona-Coaches“ und das Freiwillige Soziale Jahr an Schulen

Ein Freiwilliges Soziales Jahr an Schulen bietet jungen Menschen die Möglichkeit, erste Erfahrungen an pädagogischen Einrichtungen zu sammeln. Je nach Bundesland stehen dafür einige hundert Plätze pro Jahr zur Verfügung – das FSJ Pädagogik der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Sachsen bietet zum Beispiel 200 Plätze, davon allerdings nur 8 an Gymnasien. Doch die Idee eines pädagogischen FSJs zwischen Schule und Studium bietet noch viel mehr Potenzial, das zu nutzen wäre. Bestehende Angebote für Hochschulabsolventinnen und -absolventen – Beispiel TeachFirst – zeigen das Potenzial von zeitlich begrenzten Einsätzen an Schulen.

Aus zwei Gründen ist es angebracht, das Angebot eines FSJs an Schulen für die Schulabgängerinnen und -abgänger auszuweiten. Zum einen hilft es jungen Menschen bei der Berufsorientierung, denn nur wer Freude am Umgang mit Kindern hat, wird später einmal selber eine engagierte Pädagogin oder ein motivierender Pädagoge. Mit Blick auf das „duale Studium Lehramt“ sollte es möglich sein, mit dem FSJ an Schulen bereits Credits für die Hochschulausbildung zu sammeln. Doch es gibt noch einen weiteren, aktuellen Grund dafür, das FSJ an Schulen auszubauen. Durch die Corona-Krise geht die Schere zwischen privilegierten und unterprivilegierten Kindern immer weiter auseinander. Dort, wo die Eltern nicht in der Lage sind, den Bildungserfolg ihrer Kinder auch in der schwierigen Zeit des Distanzlernens sicherzustellen, können junge Abiturientinnen und Abiturienten als „Corona Coaches“ agieren und wertvolle Nachhilfe leisten.

21. Lehrübungen für Bildungsreservisten und ein „Bildungs-THW“ für Schulen

Die Coronakrise hat die sozialen Spaltungen des Bildungssystems weiter vertieft. Während manche Schülerinnen und Schüler von den Eltern mit Tablets, Lernsoftware und vor allem Aufmerksamkeit versorgt werden, müssen andere Schülerinnen und Schüler mit ihrem Smartphone auf WLAN-Suche gehen, um überhaupt die Übungsblätter herunterladen zu können. Auch ohne Corona gäbe es gute Gründe, Bildungslücken gezielt anzugehen und jedem Kind die Förderung zuteilwerden zu lassen, die es braucht. Nach Corona gibt es dazu keine Alternative mehr.

Lehrerinnen und Lehrer werden zurzeit als Feuerlöscher eingesetzt. Doch angesichts des absehbaren (und auch bereits aktuellen) Lehrkräftemangels droht am Ende der Burn-Out gerade der besonders engagierten Pädagoginnen und Pädagogen, während die verschiedensten Bildungsbrandherde immer weiterlodern. Es braucht daher ein Hilfswerk Bildung, welches ähnlich wie das THW gezielte Unterstützung leisten kann. Ein anderes Modell sind „Bildungsreservisten“, die jährliche Lehrübungen abhalten könnten – um beispielsweise in Sommerschulen die durch Corona entstandenen Bildungslücken zu schließen. Bereits jetzt gibt es ein großes Netz an privaten Nachhilfeangeboten. Indem sich beispielweise Absolventinnen und Absolventen der Naturwissenschaften für mehrwöchige Nachhilfeeinheiten „verpflichten“ könnten, würde eine Basis für ein wirkliches Aufholen geschaffen werden. Unternehmerinnen und Unternehmer könnten genauso Lerneinheiten zur ökonomischen Bildung bereitstellen, wie Historikerinnen und Historiker gezielt Bildungsangebote gegen politischen Extremismus anbieten.

22. Lebenslanges Lernen möglich machen

Fort- und Weiterbildung sind ein lebenslanges Thema. Schon der große liberale Vordenker Wilhelm von Humboldt hat deutlich gemacht: Bildung ist nicht nur die Voraussetzung für den Erwerb eines einzigen Berufs, sondern auch für „die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum andern überzugehen.“ Erst recht an der Schwelle zum „KI-Zeitalter“ gilt: Nur wenige Karrierewege werden einem vorgezeichneten Plan folgen. Neue Technologien verändern Theorie und Praxis, was die Bedeutung von Bildung während des Arbeitslebens erhöhen wird. Resilienz ist eben nicht nur eine Anforderung an die Jugend, sondern auch Erwachsene und Ältere.

Teilzeitangebote müssen ebenso ausgebaut werden wie Unterstützungsmodelle für längere Aufenthalte an Hochschulen. Hier können ein Midlife-Bafög und ein alle zehn Jahre von Neuem durch staatliche wie private Gelder gemeinsam finanziertes Fortbildungskonto wertvolle Anreize liefern, damit Weiterbildung auch zu unterschiedlichen Lebensentwürfen passt. Weiterbildungsgutscheine können dabei einen Wettbewerb zwischen öffentlichen und privaten Trägern um die besten Angebote stimulieren. Ein langfristiges Ziel sollte ein „Bafög für alle“ sein, welches Menschen jeder Altersstufe ein Leben lang Zugriff auf Fördermöglichkeiten bieten kann. Mittelfristig sollten kostenlose Bildungsgutscheine, die beispielsweise alle zehn Jahre ohne Aufwand und Bürokratie eine längere Fort- und Weiterbildung ermöglichen, ein Instrument der lebenslangen Bildungsförderung sein. Digitale Bildungsangebote wie Massive Open Online Courses (MOOCs) bieten zusätzlich die Möglichkeit, modernstes Wissen orts- und zeitunabhängig zu vermitteln. Eine Modularisierung von Bildungsangeboten – verbunden mit einer vereinfachten Anerkennung – wird es in Zukunft einfacher machen, Weiterbildungsmaßnahmen wahrzunehmen und abzuschließen: auch in der Rush Hour des Lebens.

23. Volkshochschulen für das 21. Jahrhundert

Volkshochschulen spielen eine wichtige Rolle im deutschen Bildungssystem. Seit Jahrzehnten ermöglichen sie verschiedene Formen des lebenslangen Lernens und nehmen wichtige Aufgaben wahr, darunter auch im Bereich der Alphabetisierung, der nachgeholten Schulabschlüsse und des Fremdsprachenunterrichts. Dennoch bliebt das Potenzial der Volkshochschulen vielerorts ungenutzt. Hinzu kommt, dass die Coronakrise die finanzielle Situation verschärft hat, da bisherige Rettungspakete nur schlecht auf die Struktur der Volkshochschulen passen, die hauptsächlich Honorarkräfte beschäftigen.

Da die Volkshochschulen gerade im Rahmen der Grundbildung einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das Recht auf Bildung zu gewährleisten, muss ihre Finanzierung zumindest für diese Bereiche auch in Krisenzeiten sichergestellt werden. Vor allem was die digitale Bildung und die Alphabetisierung betrifft, müssen die Volkshochschulen in Zukunft unterstützt werden. Gleichzeitig sollte, zum Beispiel über Maßnahmen zur Förderung von Sozialinnovationen, der Markt für Angebote zur Erwachsenenbildung vitalisiert werden. Die Volkshochschulen können dabei die Brücken vom Gestern ins Morgen sein und wichtige Hubs für das zweite Bildungssystem bilden.

24. Brücken zwischen Bildungspfaden

Der Schlüssel für ein gerechtes Bildungssystem liegt in seiner Durchlässigkeit. Jedes Individuum soll zu jedem Zeitpunkt seine Talente bestmöglich entfalten können. Auch wer sich im Laufe seines Lebens umentscheiden muss oder möchte, sollte dazu die Möglichkeit haben. Oft wird Durchlässigkeit allerdings nur im Sinne eines leichteren Zugangs zu „höheren“ Bildungsabschlüssen gesehen. Als Liberale sind wir allerdings von der Gleichwertigkeit der akademischen und beruflichen Bildung überzeugt. Deshalb muss auch die Durchlässigkeit von Universitätskarrieren in die berufliche Bildung in den Blick genommen werden.

Es muss leichter werden, vom einen in den anderen Bildungsweg zu wechseln. Das gilt auch für diejenigen, die sich während oder nach dem Studium für die berufliche Ausbildung entscheiden möchten. So sollten Credits aus der Hochschule in die Ausbildung mitgenommen werden oder auf ein Lehrkonto „gezahlt“ werden können, um beispielsweise Theorieabschnitte zu verkürzen und schneller zum Abschluss zu kommen. Außerdem muss die Berufsberatung gerade auch an Hochschulen verbessert werden. Wer einmal einen Hochschulpfad beschritten hat, sollte nicht das Gefühl haben, auf Schienen einer ungewissen Zukunft entgegenzurollen, sondern zu jedem Zeitpunkt Pilot seines eigenen Lebens sein.