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Bildung groß denken

25. Kooperationsgebot statt Kooperationsverbot

Bildung ist Ländersache. Was jahrzehntelang der Trumpf in den deutschen Bildungsdebatten war, verliert langsam seinen Reiz. Denn mittlerweile wird nicht mehr Skat mit deutschem Blatt gespielt, sondern Go – global und mit künstlicher Intelligenz. Die Karten werden daher nicht einfach nur neu gemischt, sondern die Regeln haben sich verändert. Das Saarland konkurriert nicht mit Sachsen-Anhalt, sondern mit Shanghai und dem Silicon Valley. Dabei hat der deutsche Föderalismus durchaus seine Stärke, indem er Wettbewerb und Experimente ermöglicht. Das Ziel muss daher ein Föderalismus 4.0 sein, in dem sich Bund und Länder optimal ergänzen. Eine Subsidiarität 4.0 wird zum Instrument, mit der Dezentralität eben bis auf die unterste mögliche Ebene durchgereicht wird und einzelnen Schulleitungen weitreichende Freiheiten zur selbstgewählten und eigenverantwortlichen Ausgestaltung der Bildungsinhalte eingeräumt werden.

Anstelle eines Kooperationsverbots muss es ein Kooperationsgebot geben. Wo der Bund die Länder unterstützen kann, muss er dies auch tun. Dies gilt beispielsweise für verbindliche Standards gerade auch im Bereich der Digitalisierung etwa bei Schulclouds oder des digitalen Schülerausweises. Ziele von gesamtgesellschaftlicher Relevanz müssen Bund und Länder gemeinsam angehen können. Das gilt beispielsweise für die Digitalisierung der Schulen. Allerdings braucht es einen unbürokratischen Zugriff auf diese Mittel und die Verpflichtung der Länder, diese auch abzurufen.

26. Verbindliche Bildungsstandards bei größtmöglichem Wettbewerb

Auch wenn der Nationale Bildungsrat vorerst gescheitert ist: Kinder, Jugendliche und Eltern haben ein Recht darauf, in jedem Bundesland die beste Bildung zu erhalten. Zurzeit sind die Schulabschlüsse aber kaum vergleichbar. Wer zwischen Bundesländern umzieht, muss mit hohen Hürden rechnen, und beim Zugang zu den Hochschulen ergeben sich Ungerechtigkeiten. Das Abitur ist eine Gemeinschaftswährung – doch jedes Bundesland kann nach Gusto gute Noten drucken. Was für Volkswirtschaften nicht funktioniert, sorgt auch im Bildungssystem für Unruhe. Deshalb ist es Zeit für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit.

Es sollten bundesweite Bildungsstandards etabliert werden, die sich an den leistungsstärksten Bundesländern orientieren. Gleichzeitig muss die Freiheit der Bundesländer gewährleistet werden, eine eigene Bildungspolitik zu gestalten. Es ist allerdings notwendig, dass sich Erfolg und Misserfolg nach klaren Kriterien bestimmen lassen können. Der Bund kann außerdem dabei helfen, bundesweite Leistungsschulen zu etablieren, in denen beispielsweise besonders begabte MINT- Schüler gefördert werden können. Verbindliche Bildungsstandards sind außerdem die Voraussetzung dafür, dass jede Schule auch ihren eigenen Weg suchen kann – auch jenseits des Klassenzimmers.

27. Bildung als Blockchain

Vom Seepferdchen über den Führerschein bis hin zum Sprachnachweis: Die Zertifizierung von erreichten Bildungszielen ist flexibler, als ein Blick in eine schulische Prüfungsordnung vermuten lässt. Massive Open Online Courses (MOOCs) bieten nicht nur neue Lernmöglichkeiten, sondern auch neue Möglichkeiten, erworbene Kenntnisse für potenzielle Arbeitgeber nachzuweisen. Gerade die Sprachnachweise wie IELTS oder der TOEFL-Test wagen sich dabei weit in das schulische Territorium vor. Warum also nicht den ganz großen Sprung wagen und auch schulische Lernziele unabhängig von starren Prüfungen zertifizieren lassen? Neue Technologien, wie Blockchain, könnten dabei Überprüfbarkeit und Unabhängigkeit sicherstellen. Jede Schülerin und jeder Schüler müsste die Möglichkeit haben, eigene Meilensteine zu definieren und für das beharrliche Verfolgen eigener Lernziele belohnt zu werden. Auch besondere Fähigkeiten – beispielsweise Bilingualität – die vom herkömmlichen Schulsystem nicht erfasst werden, würden so einen neuen Wert bekommen und viele Schülerinnen und Schüler zusätzlich motivieren.

28. Leistung muss sich lohnen

Bildung ist ein selbstreflexiver Prozess. Dass Bildungsvordenker wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel deshalb die Entfremdung des Lernens betont haben, ist nur folgerichtig: Denn Bildung strengt an. Während das Dopamin bei Videostreaming und Computerspielen auf der Straße liegt, muss man sich die Glückshormone in Bildungsprozessen hart erkämpfen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass sich Anstrengungen lohnen.

Schülerakademien und Leistungszentren müssten besonders begabte Schülerinnen und Schüler bestmöglich fördern. Außerdem sollte es jedem Schüler möglich sein, parallel zur Schule bereits Kurse an den Universitäten zu belegen – nicht zuletzt die Digitalisierung der Hochschullehre eröffnet hier große Chancen ohne wesentliche zusätzliche Kosten. Die Einführung verbindlicher Bildungsstandards ist ein Weg, die Noteninflation zu stoppen. Begabung zeigt sich außerdem in jedem Bildungsweg – eine härtere Selektion stärkt also auch Schulformen wie die Realschule.

29. Beste Bildung gibt es nicht umsonst

John F. Kennedy hat es auf den Punkt gebracht: „Es gibt nur eines was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.“ Doch Deutschlands Bildungsausgaben stagnieren seit Jahren. Zwar ist das Gesamtbudget für Bildung, Forschung und Wissenschaft von 237,4 Milliarden Euro (2010) auf 310,2 Milliarden Euro (2018) gestiegen, als Prozentsatz vom BIP stagnieren die Ausgaben allerdings bei 9,3%. Im OECD- Vergleich liegt Deutschland sogar deutlich unter dem Durchschnitt, und auch unter den europäischen Ländern hinkt Deutschland hinterher. So geben öffentliche Stellen in Deutschland beispielsweise nur 2,6 Prozent des BIP für die Primär- und Sekundärbildung aus, in Norwegen sind es beispielsweise 4,6%, in Finnland 3,8% und in Frankreich 3,4%.des BIP.

Beste Bildung muss in Deutschland wieder Priorität genießen. Daher müssen auch die Ausgaben für den Bildungsbereich erhöht werden. Ein erstes Ziel sollte es sein, zumindest den OECD-Durchschnitt von 3,1% für die Primär/Sekundärbildung zu erreichen; mittelfristig sollten 5% des BIP das Ziel sein. Gerade Investitionen in die ersten Bildungsjahre rentieren sich für das Individuum und die Gesellschaft. Kindertagesstätten und Grundschulen verdienen daher besondere Aufmerksamkeit, denn alle Defizite, die später aufgeholt werden müssen, kosten doppelt und dreifach. Neben höheren öffentlichen Ausgaben sollten außerdem private Investitionen in Bildung steuerlich erleichtert werden.

30. Das Recht auf Bildung in das Grundgesetz!

Bereits 1965 schlug Ralf Dahrendorf vor, mithilfe folgender drei Verfassungsartikel eine aktive Bildungspolitik im Grundgesetz zu verankern: 1. Jeder Mensch hat ein Recht auf eine intensive Grundausbildung, die ihn befähigt, von seinen staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten wirksamen Gebrauch zu machen. 2. Jeder Mensch hat ein Recht auf eine seiner Leistungsfähigkeit entsprechende weiterführende Ausbildung. 3. Es ist die Pflicht der staatlichen Instanzen, dafür Sorge zu tragen, dass diese Rechte ausgeübt werden können.

Es ist endlich an der Zeit, diesen Vorschlag umzusetzen und dieses wichtige Grundrecht in das Grundgesetz aufzunehmen. Zwar lässt sich ein Grundrecht auf Bildung aus Art. 7 Abs. 1 GG ableiten. Es ergibt sich auch aus völkerrechtlichen Verträgen, die die Bundesrepublik unterzeichnet hat. Doch gerade wenn es um Fragen der Grundrechtsabwägung geht, würde ein klar artikuliertes Grundrecht auf Bildung das Recht der Kinder und Jugendlichen auf beste Bildung stärken. Auch in der Rechtswissenschaft wird, trotz manch skeptischer Einwände, hervorgehoben, dass „die ausdrückliche Verankerung eines Anspruchs auf gleichberechtigten Zugang zu den vorhandenen Bildungseinrichtungen im Grundgesetz […] den Vorteil der größeren Rechtsklarheit“ hätte. Im Bereich der beruflichen Bildung, deren Ausgestaltung maßgeblich dem Bund obliegt, wären die Auswirkungen sogar noch gewichtiger einzuschätzen. Deshalb ist die liberale Schlussfolgerung eindeutig: Es ist Zeit, die Vorschläge nach einer expliziten Verankerung des Grundrechts auf (beste) Bildung im Grundgesetz endlich umzusetzen. Dahrendorf hat dazu bereits den besten Aufschlag geliefert.