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Bildung und Freiheit: Das Liberale Narrativ

Bildung ist Bürgerrecht

Liberale gehen grundsätzlich von Eigenverantwortung aus. Der oder die Einzelne soll in die Lage versetzt werden, Chancen zu ergreifen und das eigene Potenzial dabei bestmöglich zu nutzen. Ziel liberaler Bildungspolitik ist es daher, die Persönlichkeit zu fördern. Die volle Entfaltung der eigenen Talente gehört ebenso dazu wie die Fähigkeit, mutig und verantwortungsbewusst am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Die Befähigung des Individuums, selbstbestimmt eigene Wege zu gehen, und seine staatsbürgerliche Verankerung in der freiheitlichen Demokratie sind daher untrennbar miteinander verknüpft. Dies drückt sich auch in Ralf Dahrendorfs Forderung nach einem „Bürgerrecht auf Bildung“ aus.

Im Zentrum liberaler Bildungspolitik steht das Konzept der mündigen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die bereit sind, Verantwortung in einer freien Gesellschaft zu übernehmen. An diesem Grundprinzip hat sich seit der Aufklärung wenig geändert. Was sich allerdings gewaltig geändert hat, sind die heutigen Ansprüche an das Individuum. Es muss sich in einer zunehmend komplexen und funktional ausdifferenzierten Welt zurechtfinden. Nur so kann es seine Rechte und Pflichten auch wahrnehmen.

Globalisierung und Digitalisierung sind nur zwei „Megatrends“, die dazu führen, dass an das Bildungssystem des 21. Jahrhunderts neue und hohe Ansprüche gestellt werden. In Zeiten rasanten technologischen Wandels, an der Schwelle zum „KI-Zeitalter“, wird es vor allem darauf ankommen, immer wieder von Neuem Möglichkeiten für lebenslanges Lernen zu schaffen. Bildung dient der Sozialisation, Qualifikation und Adaption: Je besser das Bildungssystem das Individuum dabei unterstützt, desto eher werden digitale Angebote und Künstliche Intelligenz als Chancen und nicht als Bedrohung gesehen.

Chancen der Krise

In Krisenzeiten werden Entscheidungen getroffen, die über Jahrzehnte hinweg prägend sein werden. Dies gilt auch und gerade für das Bildungssystem, das sich in Normalzeiten nur zaghaft und träge verändert. Nicht trotz, sondern wegen der Coronakrise ist es geboten, sich über die langfristigen Perspektiven des Bildungssystems Gedanken zu machen. Zu den wichtigsten Weichen, die zurzeit gestellt werden, gehört die Entscheidung über Schulclouds. Soll die technische Infrastruktur für Videokonferenzen und Datenaustausch vom Bund, den Ländern oder doch der Privatwirtschaft bereitgestellt werden? Diese Entscheidung ist keine rein technische Frage. Sie hat große Bedeutung für die schulische Autonomie. Ebenso wird vorweggenommen, wie sich Innovationskraft und Wertschöpfung von Start-ups und EdTech-Unternehmen in Deutschland zukünftig entwickeln werden.

Das große Aufstiegsversprechen

Das große Versprechen des Liberalismus ist es, jedem Menschen Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Die soziale Marktwirtschaft und ein starkes Bildungssystem bieten das Fundament dafür, dass jeder Mensch durch Talent, Fleiß und Leistung aufsteigen kann – und zwar in jeder Lebenslage und immer wieder. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Chancengerechtigkeit. Dies bedeutet auch: das Recht auf Bildung muss sichergestellt werden. Wer seine Talente nicht frei entfalten kann, wird von den Aufstiegschancen der sozialen Marktwirtschaft nicht vollwertig profitieren. Die Schulschließungen wegen Covid-19 haben gezeigt, wie schnell es zu Bildungsungerechtigkeit kommt, wenn sich staatliche Instanzen zurückziehen.

Das Aufstiegsversprechen der Sozialen Marktwirtschaft gilt universell. Liberale Bildungspolitik muss deshalb alle erreichen. Bildungspolitik ist nachhaltige Sozialpolitik. Über frühkindliche Bildung, Schule und dualer Ausbildung bis hin zu Hochschulen, betrieblicher (Weiter-)Bildung und lebenslangem Lernen ist Bildung als stetiger Prozess der persönlichen (Weiter-)Entwicklung zu handhaben. Es ist immer fairer und zugleich auch wirtschaftlich effizienter und sozial gerechter, Probleme erst gar nicht entstehen zu lassen, als sie nachträglich mit hohen Folgekosten korrigieren zu müssen.

Eine aktive Bildungspolitik der Zukunft

„Das Bauwerk der freien deutschen Gesellschaft hat noch kein Fundament“, bemängelte Ralf Dahrendorf in seiner Artikelserie für die ZEIT und verlangte daher eine „aktive Bildungspolitik.“ 1965 war Dahrendorf mit diesen Einsichten ein Vorreiter – heutzutage läuft der Aufruf nach einer „besseren“ Bildungspolitik schnell Gefahr, zu einem Gemeinplatz zu verkommen. Umso wichtiger ist es, das liberale Bildungsnarrativ mit konkreten politischen Forderungen zu verknüpfen. Eine große Bedeutung kommt dabei der Resilienz zu, die als „Superkompetenz“ eine besondere Rolle für die Bildung der Zukunft einnimmt. Denn nur, wenn Schülerinnen und Schüler lernen, mit Unsicherheit, Disruption und Ambiguität umzugehen, sind sie für die Heraus- forderungen einer offenen Zukunft gewappnet.

Die Coronakrise hat das Verhältnis von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern neu konfiguriert. Gerade für letztere war und ist das Lernen zuhause eine große Belastung. Es ist nun besonders wichtig, schnell zu einer Form der hybriden Schule zurückzukommen, in denen die intelligente Verknüpfung des digitalen Unterrichts mit Präsenzunterricht zu einer dringend notwendigen Entlastung der Eltern führt. Gleichzeitig ist die Krise allerdings auch eine große Gelegenheit, um Bildung neu und vor allen Dingen groß zu denken. Der Anspruch kann nicht mehr nur im Abarbeiten von Wochenplänen oder der Durchführung von Prüfungen bestehen. Stattdessen muss die Frage im Vordergrund stehen, wie es in der laufenden Dekade gelingen kann, jedes Kind dahin zu befähigen, sich bestmöglich entfalten zu können, um damit nach den Sternen zu greifen. Dies ist keine Metapher, sondern – mit Blick auf die Entwicklungen in der Raumfahrt – ein konkreter Arbeitsauftrag.